Traumapädagogik: „Es lohnt sich, früh anzusetzen“. Projektleitung Anne-Margret Wild im Gespräch

Frau Wild, im Herbst 2023 wurde die traumapädagogische Intensivwohngruppe Talulah eröffnet, nun wird es mit Amayah im Frühjahr eine zweite Einrichtung der ASB WunderKinder im Landkreis geben. War das von Beginn an geplant?

Anne-Margret Wild: Wir wussten von Anfang an, dass der Bedarf groß ist,  wir hatten deutlich mehr Anfragen als Plätze, aber natürlich startet man erstmal mit einer Einrichtung und sammelt Erfahrungen. Die haben wir mittlerweile, wir sind mit Talulah wie man so schön sagt „angekommen“. Nachdem die Anfragen nicht weniger wurden und es jedes Mal in der Seele weh tut, wenn wir ein Kind abweisen müssen, das eigentlich dringend einen Platz benötigt, haben wir uns für eine zweite Intensivwohngruppe entschieden, zumal wir seit 2025 bereits auch ambulant Kinder traumapädagogisch betreuen. Mit Amayah können wir vier weiteren Kindern einen sicheren Ort bieten. Das Wunderbare daran ist, dass wir für sie in der gleichen Gemeinde ein Haus gefunden haben.


Warum brauchen diese Kinder eine Intensiveinrichtung?

Anne-Margret Wild: Die Belastungen der Kinder, die wir betreuen, sind sehr schwerwiegend.  Gemeinsam ist ihnen, dass sie in verschiedenster Form traumatisiert wurden und schon in jungen Jahren viele Stationen durchlaufen haben, die aber nicht geeignet waren, ihnen langfristig zu helfen, weil die Traumafolgen zu massiv waren, so dass es etwa für Pflegefamilien nicht stemmbar war, sie rund um die Uhr zu betreuen. Es war absehbar, dass diese Kinder, wenn sie jetzt nicht irgendwo dauerhaft einen stabilen Ort finden,  einen langen Weg durch die Jugendhilfe vor sich haben würden.


Wie alt sind die Kinder?

Anne-Margret Wild: Wir nehme sie zwischen vier und neun Jahren. Das ist ein Alter, wo wir hoffen, bestimmte negative Erfahrungen langfristig noch korrigieren zu können. Die Kinder sollen lernen, dass sie angenommen werden, mit all ihren Themen, dass es Sicherheit gibt und dass sie sich trauen können, Bindungen zu entwickeln. Das Gute ist, dass sie über das Aufnahmealter hinaus bleiben können und Zeit haben, sich zu stabilisieren. Es kann in Ruhe abgewogen werden, wann ein nächster Schritt hin zu weniger intensiver Betreuung möglich ist.

Der Personalschlüssel in Intensivwohngruppen ist höher als in normalen Wohngruppen, es sind immer zwei Mitarbeitende für die Kinder da, hinzukommen Therapeuten, Schulbegleitung und stundenweise Unterstützung durch Hauswirtschaft. Was sagen Sie, wenn Kritik kommt, dass das zu viel kostet?

Anne-Margret Wild: Für mich ist ganz klar, dass es sich lohnt, möglichst früh anzusetzen, wenn man Kinder hat wie unsere, mit so komplexen Traumata.  Ein Problem der Jugendhilfe ist, dass sie oft zuerst versucht, vermeintlich günstigere Lösungen zu finden, dann gehen die Kinder durch Pflegefamilien und Einrichtungen, oft mit immer größeren Problemen und irgendwann sind sie dann raus aus dem Jugendhilfe-System, aber vielleicht obdachlos oder kriminell. Das ist dann auch mit hohen Kosten verbunden, nur eben an anderer Stelle. Abgesehen davon, dass es für mich ethisch verpflichtend ist, dass man diesen und natürlich auch anderen Kindern, die Unterstützung benötigen, die notwendige Hilfe zukommen lässt, ist es aus meiner Sicht auch finanziell sinnvoll, schon früh anzusetzen und nicht erst, wenn im Grunde nichts mehr machbar ist. Wir haben da aber in der Tat auch die volle Rückendeckung durch die zuständigen Stellen, die wissen, was wir tun und wie aufwendig das auch für uns als Träger ist.


Seit zweieinhalb Jahren gibt es Talulah. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht und welche fließen nun auch in die neue Einrichtung Amayah ein?

Anne-Margret Wild: Wir mussten am Anfang ständig mit Krisen rechnen, die Kinder hatten Schlimmstes hinter sich. Seither hat sich ganz vieles positiv entwickelt, aber es gibt auch heute noch krisenhafte Situationen. Die Kinder sind älter geworden, ein Junge ist mittlerweile in der Vorpubertät, da verändert sich ohnehin vieles im Körper und in der Seele.  Wir haben mittlerweile ein gutes Netzwerk in der Gemeinde, mit Schule und Kindergarten, Ärzten und Fachärzten, das ist sehr viel wert und wird der neuen Wohngruppe zugute kommen. Und natürlich haben wir mittlerweile erprobte Strukturen, was den Alltag anbetrifft, von Medienregeln bis hin zur Organisation im Team, auch da profitieren wir bei Amayah natürlich, auch wenn sicher nicht alles eins zu eins so gehandhabt werden wird wie in Talulah. Die Hausleitung muss mit ihrem neuen Team schauen, was dort gut für die Kinder ist. Ich bin sicher, das wird gut anlaufen. Momentan freuen wir uns vor allem auf die Kinder, die ab Ende März zu uns kommen.

Danke für das Gespräch!

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