Spielend lernen

Englisch, Musik, Sport, Kunst – wenn es um die Förderung ihrer Kinder geht, sind Eltern gerne bereit, zu investieren. Keiner will sich einmal vorwerfen, Talente nicht gestärkt zu haben. Auch der Bayerische Bildungsplan hat das Thema frühkindliche Bildung seit Jahren im Blick. Alles richtig, sagt der diplomierte Sportlehrer Torsten Heuer. Er ist allerdings überzeugt, dass Kindern heute etwas fehlt: Nämlich Zeit zum freien Spiel. Weil das aus seiner Sicht die beste Lernschule ist, gerade in den ersten Lebensjahren. Bei einem Vortragsabend in der Geru-Halle Hersbruck begeisterte der Mann aus dem hohen Norden auf Einladung des ASB Nürnberger Land gut 120 Zuhörerinnen und Zuhörer. 

"Das freie Spiel stirbt aus", sagt Heuer. Er bedauert die Entwicklung. Denn im freien Spiel lernten Kinder sehr viel. Eigeninitiative zum Beispiel, Selbstständigkeit, aber auch soziales Verhalten. Und auch mal dran zu bleiben an einem Thema: „Manche Dinge brauchen Zeit, sich zu entwickeln“. Wiederholung ist nötig, etwa wenn der Zweijährige zum xten Mal versucht, einen Turm aus Steinen zu bauen. Oder der Sechsjährige eine Rampe zum Balancieren errichtet, die immer wieder umkippt. Viel mehr als Spiel ist das, nämlich das Lernen von physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Wer aber keine Möglichkeit zur Erfahrung hat, bleibt im Ansatz stecken. „Wir brauchen mehr Erfahrung als Information“, ist Heuer überzeugt. Wer gut durchs Leben kommen wolle, müsse sich selbst spüren im Handeln. „Das ist auch wesentlich für die Gesundheit“.  

Tatsächlich ist schon der Alltag von kleinen Kindern heute oft verplant. Eltern- Kindkurse boomen. Auch viele Kitas sind auf den Trend aufgesprungen,  sie stehen im Wettbewerb um das beste Angebot. Eltern wünschen sich frühe Förderung, gleichzeitig sollen die Einrichtungen auch auf die Schule vorbereiten. Ein Dilemma. Torsten Heuer plädiert für mehr Gelassenheit auf beiden Seiten: Eltern wie Erzieherinnen sollten öfter ihrem Bauchgefühl folgen, wenn es darum gehe, Spielsituationen geschehen zu lassen. Die könnten auch mal in einer Auseinandersetzung enden. „Streit ist gesund“, ist Heuer überzeugt. Kinder müssten sich messen, seien einander die besten Partner und Vorbilder. Gleichzeitig sollten Eltern von der Erwartungshaltung abrücken, ihre Kinder müssten in den Einrichtungen permanent beschäftigt werden. „Eine Erzieherin die mittags beim Abholen auf der Bank sitzt, und den Kindern zusieht, tut das Richtige“, sagt der Referent.  

Auch Fehler zu machen, müsse Kindern möglich sein. Heute würden Kinder schon früh zu Problemkindern. Kaum klappe etwas vermeintlich nicht nach Plan, schalle der Ruf nach Therapie. Dabei brauche es Zeit für Entwicklung. „Wir haben nicht mehr den Respekt vor Fehlern“. Aus der Lernforschung wisse man, dass die ersten sechs Lebensjahre die allerwichtigsten seien für die persönliche Entwicklung. Wenn Kinder in dieser Zeit keine Zeit hätten, Dinge auszuprobieren, stattdessen Erwachsene den Kindern ständig den Weg weisen, könnten diese die Welt nicht begreifen lernen. „Information muss sich aber auf Erfahrung setzen“. 

Das Recht auf Beulen und Schrammen, auf unbeobachtete Zeit, auch draußen in der Natur, gehört für ihn wesentlich dazu. Doch was in der Kindheit vieler der Zuhörer noch selbstverständlich war, ist heute die Ausnahme. „Wir nehmen Kinder da Chancen“. Seine Erfahrungen geben ihm Recht: Seit Jahrzehnten arbeitet der Sportlehrer mit Kindern und Jugendlichen, viele haben motorische Probleme. „Das hat stark zugenommen.“ Doch nur wenn Kinder sich bewegen, rennen, klettern und auch einmal hinfallen, lernten sie zu reagieren. Am Ende passieren körperlich starken Kindern weniger schlimme Unfälle, ist Heuer überzeugt. Sie sind widerstandfähiger, auch in anderen Situationen des Lebens. 

Bei den Zuhörerinnen und Zuhörern in der Geru-Halle kommt der pointierte Vortrag des Referenten, der seit Jahren mit diesem Themenkomplex durch Deutschland reist, gut an. Viele von ihnen sind vom Fach, doch auch etliche Eltern sind gekommen, nicken immer wieder. Einige hoffen auf Tipps, wie sich das freie Spiel besser in den Alltag integrieren lässt. Schon am Nachmittag hatten pädagogische Mitarbeiterinnen des ASB Nürnberger Land, der zusammen mit der Stadt Hersbruck zu der Veranstaltung geladen hatte, einen Workshop zu dem Thema mit Torsten Heuer. 

 „Tolle Impulse“, lobt Sabine Strobel-Ahlfeld, Fachbereichsleiterin Kinder, Jugend und Familie beim ASB, die den Referenten nach Franken geholt hat. Auch Evelyn Kittel-Kleigrewe, Fachbereichsleiterin für Kindertagesstätten am Landratsamt Nürnberger Land, spricht Torsten Heuer bei vielen Punkten aus dem Herzen. „Man darf das Spiel nicht unterschätzen“, sagt Kittel-Kleigrewe.

Zurück